Imam Rehan Neziri hat nach den Sommerferien in Kreuzlingen 24 moslemischgläubige Viertklässler begrüsst – auf Deutsch und ohne Kopftücher. Sicherheitsbedenken der SVP gegen dieses religiöse Integrationsprojekt räumt die Thurgauer Regierung aus.

Brigitta Hochuli

«Was ist Islam?», fragt Imam Rehan Neziri die Viertklässler.

Unterrichtsstunde gestern in einem Kreuzlinger Primarschulzentrum. (Bild: Bild: zVg)

 

Kreuzlingen. «Die erste Stunde war gut und viel zu kurz», sagt Rehan Neziri. «Das beidseitige Interesse war gross.» Seit zwei Wochen gibt der Imam der albanischen Moschee in zwei Kreuzlinger Primarschulzentren islamischen Religionsunterricht. 24 von insgesamt 29 möglichen moslemischgläubigen Viertklässlern nehmen daran teil, neun Mädchen und 15 Knaben. Sein Eindruck von ihnen sei sehr gut, sagt der Lehrer. Einen Besuch von Zeitung und Fernsehen könnten sie sich aber zurzeit nicht vorstellen. Er habe sie gefragt. «Vielleicht später einmal.»

 

Keine Islamistengefahr

Das Interesse an diesem auf drei Jahre angelegten Projekt ist auch in der Politik gross. Am Mittwoch ist es Thema im Grossen Rat. In einer Interpellation wollte SVP-Kantonsrat Hermann Lei sichergestellt wissen, dass der Unterricht «nicht durch Islamisten erteilt wird». Dadurch, dass verschiedene islamische Vereine die Trägerschaft innehätten, finde bezüglich Unterrichtsinhalte eine innermoslemische Kontrolle statt, beruhigt die Regierung. Zudem würden die Lektionen im öffentlichen Rahmen der Schule gegeben, «Lehrpersonen würden dort ungute Tendenzen rasch wahrnehmen».

 

Wissenschaftlich begleitet

Vorbereitet worden ist das Projekt von langer Hand am runden Tisch der Religionen und von Vertretern der ansässigen zwei Moscheen, der Stadt und Schulgemeinde, der Landeskirchen und der Pädagogischen Hochschule, deren Beratungsstelle Schule und Religion das Projekt wissenschaftlich begleitet. Ende April wurde dann der Verein für Islam-Unterricht (VIUK) gegründet. Präsident ist der frühere Kreuzlinger Integrationsdelegierte Christoph Kreis. Die albanisch-moslemische Gemeinde Kreuzlingen und der türkisch-islamische Verein stellen je zwei Vorstandsmitglieder.

Auf der seit dieser Woche von Imam Neziri aufgeschalteten und selbst gestalteten Homepage www.viuk.ch wird transparent und umfassend informiert, unter anderem auch über das Konzept und die Finanzierung des Unterrichts. Zu je einem Drittel seien die Kreuzlinger Primarschüler evangelischen, katholischen und moslemischen Glaubens, betont Kreis.

 

Akt der Gleichberechtigung

Die Gleichbehandlung der Moslems sei deshalb eine Frage der Ökumene und ein Akt der Gleichberechtigung. In diesem Sinn hätten sich denn auch die christlichen Kirchgemeinden bereit erklärt, das Projekt mit kleinen Geldbeiträgen zu unterstützen. Da liege – was von Kirchgängern kritisiert worden ist – auch eine freiwillige Kollekte zum Beispiel der katholischen Pfarrei St. Ulrich durchaus drin.

Fürs erste Projektjahr sind 6300 Franken budgetiert. Zwei Drittel werden von den Moschee-Vereinen und den Eltern bezahlt, den Rest hat die Projektgruppe von öffentlichen Organisationen, wirtschaftlichen Unternehmen und privaten Trägerschaften organisiert. In der längerfristigen Finanzierung liegt laut Konzept allerdings die «Knacknuss», da die moslemischen Körperschaften nicht öffentlich anerkannt seien und deshalb bei ihren Mitgliedern auch keine Steuern erheben dürften. Wahrscheinlich müssten diese später tiefer in die Tasche greifen, mutmasst Präsident Kreis.

 

Ein Glücksfall

Imam Rehan Neziri arbeitet seit sieben Jahren in Kreuzlingen. Der Mazedonier hat in der Türkei Theologie studiert und mit einem Master of Arts in Religionssoziologie abgeschlossen. Der Familienvater hat in kürzester Zeit ein hervorragendes Deutsch gelernt – «ein Glücksfall, ein Mann absolut auf der Höhe», so Kreis. Deutsch ist auch die Unterrichtssprache. Für das Projekt orientiert man sich an Vorbildern aus dem süddeutschen Raum und arbeitet mit deren Lehrmitteln.

Was für Lehrer Neziri gilt, gilt auch für seine Schüler. Sie seien als Viertklässler der Primarschule natürlich alle voll integriert. Viele von ihnen seien Secondos oder lebten in der dritten Generation in der Schweiz. – Und das Kopftuch? Ein Problem? «Nein», sagt Vereinspräsident Christoph Kreis. «In diesem Alter ist es sowieso noch nicht gebräuchlich.»

 

Quelle: Tagblatt, 28. August 2010